Geschichtsträchtig ist hier alles. Noch heute pilgern
etwa jedes Jahr am 24. August die Wallfahrer vom Kreuzberg aus der Rhön
am Wirtshaus vorbei, wo ihnen "ofenfrischer Zwiebelblootz" mit einem Glas
Wein oder Bier serviert wird.
Entlang der historischen Fassade spriessen Küchenkräuter,
und wenn Anneliese Schwarzmann etwas Petersilie vom Fenstersims zupft,
wird vielleicht gerade der Kärrnersbraten zubereitet, früher
das währschafte Mahl der Fuhrleute und Main-Schiffer. Die zünftig
altfränkische Gaststube ist ausstaffiert mit Jagdtrophäen, Familienbildern,
Krügen, Waagen und Kupfergeschirr aller Art. Tausend Dinge, alle mit
Bedacht ausgewählt und richtig positioniert, denn nichts ist hier,
wie betont wird, nur Dekor, alles hat eine Geschichte. Fragen Sie nur,
wie der Wapiti-Hirsch an die Wirtshauswand kam oder wie die lange Zeit
verschollene Schiessscheibe, auf die ihr Vater 1936 stehend freihändig
geschossen hatte, wieder ihren gebührenden Platz bekam.
Abends sitzt dann vielleicht Georg Göss am Stammtisch.
Der 72jährige ist der letzte Berufsfischer der Stadt Würzburg.
Er erzählt vom Niedergang der Fischerei infolge des Main-Ausbaus und
der weniger gewordenen Meefischli. Immerhin ist er noch persönlich
dafür besorgt, dass die Meefischli in der "Stadt Mainz" auch wirklich
aus dem Main kommen und nach alter Regel "nicht größer sind
als der kleine Finger des St. Kilian auf der Mainbrücke". Dass anstelle
der früheren Schneider heute Lauben und Rotaugen zu knusprigen Meefischli
gebacken werden, ist in seinen Augen ein annehmbarer, weil schmackhafter
Kompromiss. Übrigens: Man isst die Meefischli mit allem Drum und Dran,
nach der Devise: "Mer packt sie beim Kopf und beißt bloß nei!"
In der "Dreimädelwirtschaft", wie die drei Frauen
ihr Lokal schon mal selber scherzhaft nennen, weiß man um die Wichtigkeit
bester Grundprodukte. So sind die "Blauen Zipfele", die berühmten
fränkischen Bratwürstchen, nach echter Hausmacherart gefertigt,
mit grob gehacktem Fleisch und frischen Kräutern drin. Sie werden
im Sud zusammen mit Zwiebeln, gelben Rüben und Sellerie angerichtet
und mit frischer Petersilie garniert.
Ach ja: Beim Betreten des Lokals fällt der Blick
nicht selten auf einen prächtigen Gugelhupf, der einem genau so lange
nicht mehr aus dem Kopf gehen will, bis man ein Stück davon auf dem
Teller hat. In der "Stadt Mainz" verkehren das Würzburger Bürgertum
ebenso wie die Studentenschaft und Gäste aus aller Welt. Alle fühlen
sich hier wohl. "Als die Sängerin Miriam Makeba während des letzten
Afrika-Festivals hier aß, gefiel es ihr so gut, dass sie spontan
zwei, drei Lieder in unserer Wirtsstube sang", erinnert sich Anneliese
Schwarzmann.
Auf der Weinkarte finden sich beste Franken-Gewächse,
darunter auch zahlreiche ältere Jahrgänge. Wer lieber ein fränkisches
Bier versuchen möchte, sollte das "Aecht Schlenkerla", ein vollmundiges
Rauchbier versuchen.
Zum Abschied empfiehlt es sich, das hauseigene Kochbüchlein
mitzunehmen. "Küchengeheimnisse um 1850 von der perfecten Köchin
Maria Flink" heißt die skurrile Faksimile-Ausgabe, die neben Rezepten
unter dem Kapitel "Vermischte Mittel" zahlreiche Ratschläge enthält,
etwa gegen Ungeziefer in Lebensmitteln oder gegen Zahnschmerzen.
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